Funkenflug

 

 

 

 

 * Dierdorf, Anno Domini 1650 *

 

  

Tageslicht. Ein schmaler Streifen.

Als koste es ihn ungeheuerliche Kraft, zwängte er sich durch den Spalt im Mauerwerk weit oben, fast unter der Decke. Doch bis herunter zu ihr, die auf dem feuchten, nach Moder stinkenden Stroh kauerte, zitternd und verdreckt wie eine Dahergelaufene, reichte er nicht.

Nicht einmal das Licht lässt sich mehr zu mir herab.

Tag oder Nacht, als ob das noch wichtig wäre. Sie blinzelte nach oben; ein kläglicher Versuch, die Helligkeit zu sich herabzubeschwören.

Wie lange lasst ihr mich noch warten?

Ihre Arme, hager wie zwei Stecken, umschlangen die angewinkelten Beine, ihr Kopf ruhte müde an den Mauersteinen. Sie schloss die Augen.

 

Hell und warm war es hinter den Lidern. Ein Leuchten kam von weit her, brachte den Sommer mit und das Lachen eines Kindes. Ein kleines Mädchen; übermütig lief es durchs hohe Gras, die Haare flogen hinter ihm her wie ein kupferfarbener Mantel im Wind. Es spielte Fangen mit den Schmetterlingen und lachte, wenn ein Muttergotteskäfer ihm die bloßen Arme heraufkroch. Auf den Wiesen vor der Stadtmauer suchte es nach Gartenminze und Margaretenkraut und nach den gelben Johanniswurzblüten, die aussahen wie winzige Sterne und sich so schön in die Zöpfe flechten ließen. In einem Korb trug es seine Schätze zur Großmutter, der Kräuter-Lina, wo es sie auf dem wackeligen Tisch in der Stube sortierte und der Alten bewies, was für eine gelehrige Schülerin ihre Enkeltochter war.

 

Nichts war schlimmer als das Ausgeliefertsein, das Ausharren müssen

– und die Ausweglosigkeit, die ihr wie ein Schatten durch die Tage folgte. Wie oft würden sie sie noch aus dem dunklen Loch herauszerren, unter den gaffenden Blicken der Menge zum Uhrturm treiben, die schmale Steinstiege hinauf stoßen und sie dort mit ihren unmenschlichen Spielchen quälen?

Seit vorgestern hatte das Kind in ihrem Leib sich nicht mehr geregt.

Bei dem Gedanken daran glitt ihre rechte Hand auf die Wölbung unter dem verschlissenen Fetzen, der einmal ein Kleid gewesen war. Teufelsbalg!, hatte der Schöffe mit den Schweinsaugen gerufen, seinen Zeigefinger auf ihren Leib gerichtet und ihr einen gelben Klumpen vor die Füße gespuckt. Schützend hatte sie ihren Bauch umschlungen, als fürchtete sie, sein bloßer Blick könnte ihr das ungeborene Kind aus dem Leib schneiden.

Was bin ich dir nur für eine Mutter …

Mit dem Handrücken strich sie über ihr Gesicht, wo die Tränen eine schmutzige Spur hinterlassen hatten. Begleitet von gleichförmigem Singsang begann sie ihren Oberkörper vor und zurück zu wiegen. In ihrer Vorstellung hielt sie es im Arm, ein Kind aus Fleisch und Blut, es reckte die kleinen Arme, blickte sie an und sie küsste es und sang es in den Schlaf.

 

Hinter den Lidern, dort, wo es heller war als im verdreckten Kellerverlies unter den Ratsräumen des Schultheißen, erschien ein Augenpaar. Blau wie der Sommerhimmel über dem Wiedischen Land.

Hinter den Burggärten, am Rand des Kiefernwäldchens waren sie sich zum ersten Mal begegnet. Sie hatte ihn erst bemerkt, als der Waldboden unter den polierten Lederstiefeln geknackt hatte und diese neben ihren mit Stofffetzen umwickelten Füßen zum Stehen gekommen waren. Auf der Erde hatte sie gekniet, zwischen den Farnbüschen, ein mutterloses Fuchsjunges im Arm, und die Bisswunde an der Flanke mit einer Tinktur aus Kamillenblüten ausgewaschen.

Du bist nicht wie die Mädchen aus der Stadt, hatte er gesagt und sie angelächelt. Noch nie hatte einer sie so angesehen – und seine Art mit ihr zu sprechen unterschied sich von allem, was sie bisher kannte. Ein halbes Dutzend Mal hatten sie sich getroffen, im Schutz der Kiefern und der Nacht. Dann musste er fort. Zurück zur Burg Altwied, mehr hatte er ihr nicht erzählt.

Seiner Kleidung nach war er ein Adliger, deshalb meinte er es sicher nicht ernst mit dem Kräutermädchen aus dem Wald. Dennoch hatte sie sein Versprechen zurückzukehren angenommen wie ein Geschenk; das kostbarste, das sie jemals besessen hatte.

 

Jemand, der seinen Namen nicht preisgeben wollte, sah die Enkelin der alten Kräuter-Lina aus dem Wald laufen in jener Neumondnacht, nach der man die beiden Kälber vom Einödhof tot im Stall gefunden hatte. Mit seltsam verrenkten Gliedern und Schaum vor den Mäulern. Mehr war vorerst nicht nötig gewesen; eine Bemerkung an der richtigen Stelle hatte genügt, das Mädchen abzuholen und ins Verlies zu werfen.

Schon bald hatten sie das Mal an ihrem linken Oberschenkel entdeckt. Es war lachhaft; sie hatte selbst beobachtet, aus nächster Nähe, wie sich unter dem Druck die Nadel in den Schaft zurückgezogen hatte, noch bevor sie ihre Haut berührt hatte. Der Scharfrichter, ein Mann mit pockennarbigem Gesicht und einem Mund voller fauler Zähne, hatte wie im Triumph die Hand mit der Nadel in die Luft gereckt.

Hexenmale bluten nicht!, hatte er gerufen und sie wie ein Tier mit einem Tritt in die äußerste Ecke getrieben. Sein Grinsen würde sie verfolgen so lange sie atmete. Beifällig genickt hatten die Schöffen, der Schultheiß sich zufrieden zurückgelehnt. Das Resultat der Probe war nicht anders erwartet worden, nun fehlte nur noch das Geständnis.

Gesteh!, hatte der Schultheiß geblafft, selbstgefällig am gestärkten Kragen seines Amtsmantels gezupft und hinzugefügt, dass das Gericht Methoden kenne, die ein solches Bekenntnis leichter über die Lippen fließen lassen.

 

Das Knarren der sich öffnenden Tür riss sie aus ihrer Gedankenflut.

Raus mit dir, Teufelsweib! Die Stimme des zahnlosen Wärters duldete keinen Widerspruch. Er zog den Strick so fest zusammen, dass er ihr in die Handgelenke schnitt. Dann stieß er sie hinaus ins Freie. Der letzte Rest ihrer Würde blieb zurück im Verlies.

Die Erde war ein Morast aus zertrampeltem Schnee, zerfurcht von den Rädern der Holzkarren, die Tag für Tag die Gasse entlang rumpelten. Vorbeikommende blieben stehen, starrten sie an. Ein Stein flog, verfehlte um Haaresbreite ihre linke Schulter. Sie senkte den Kopf. Wie eine Wilde oder Wahnsinnige musste sie wirken, mit ihrem kurzgeschorenen Haar und den zusammengekniffenen Augen, die sich nicht an das Tageslicht gewöhnen wollten. Den Blick zu Boden gerichtet, in der törichten Hoffnung, unsichtbar

zu sein, wenn sie nur fest genug daran glaubte, grub sie ihre Füße in die schlammige Erde (...)